Marjolijn van den Assem

Tekeningen en Schilderijen

Deutsch

Marjolijn


Auf Papier und Leinwand durchwandre ich die Welt.
Was ich erlebe, spiegelt sich in meinen Bildern.
Seit 1979 lese ich Nietzsche (1844-1900) und alles, was über ihn und seine Arbeit geschrieben wird. Nietzsches Wirkungsstätten habe ich immer wieder besucht. Das sind die Quellen, aus denen ich schöpfe.

Wie ein Seismograf folgt meine Hand dem Denkwerk. Im Januar 2000 entstand durch meine intensive Auseinandersetzung mit der nietzscheschen Korrespondenz die Serie „denkbaar“. In Worte zu fassen, was einem im Kopf umhergeht, bedeutet Text und Bild gegeneinander abzuwägen. Fragmente der Briefe abschreibend, identifizierte ich mich mit den Briefeschreibern von damals, und vielleicht gemeinte Orte erstanden vor meinem geistigen Auge. So erschienen Geflechte aus Wörtern und Bildern, Vorhänge
formulierter Gedankengewebe, hinter denen die Landschaft als besetzter Ort oder als Schlupfwinkel durchschimmert. Besonders fasziniert hat mich die Korrespondenz zwischen Marie Baumgartner (1831-1897) und Friedrich Nietzsche. Sie war die Mutter seines talentiertesten Studenten, Adolf Baumgartner, als Nietzsche im Alter von nur 24 Jahren in Basel Professor für griechische Sprache und Literatur wurde.
Viele Samstagnachmittage verbrachte Nietzsche bei Marie Baumgartner im Arbeitszimmer ihres Hauses in Lörrach. Darüber hinaus pflegten sie einen regen Briefwechsel. Als die zweisprachige Marie Nietzsche anbot, seine Schriften ins Französische zu übertragen, ließ er sie zunehmend an seiner Gedankenwelt teilhaben.
Aus den Briefen sprechen der starke intellektuelle Impuls, Zuneigung, Zusammengehörigkeit, Übermut und Verwirrung. Als Nietzsche 1876 in Begleitung einer anderen mütterlichen Freundin, Malwida von Meysenbug, und seines Freundes Paul Ree zur Kur in die neapolitanischen Berge reiste, blieb Marie in Lörrach zurück und arbeitete an den Übersetzungen.
Zum Dank pflückten Nietzsche und seine Freunde auf ihrem täglichen Spaziergang durch die Hügel Neapels einen Wiesenstrauß und schickten ihn nach Lörrach. Ihr „ganzes Haus roch nach Italien“ und Marie sehnte sich nach den Seelenverwandten.

Auf dem Zeichenpapier sitzend, auf das ich mit der Feder die Briefe von Marie Baumgartner übertrug, machte ich sie mir zu eigen. Mehrmals übernachtete ich in der Pension, der Villa Rubinacci in Sorrent, in der auch Nietzsche und seine Freunde in jener Zeit wohnten. Von dort aus suchte ich den Weg, den die Gesellschaft dereinst gegangen sein muss, die Via campagnano, und ich pflückte an demselben Tag – 125 Jahre später – einen ähnlichen Wiesenstrauß. In meinem Atelier ließ ich die getrockneten Blumen ihre Geschichte erzählen, dachte uns zurück nach Italien in Begleitung von verwandten Seelen Zeichnend, malend, heftend oder die Zeichnungen um mich faltend entsteht: incorporare. Der seelenreiche Brief, der die Giftpflanze hervorbrachte, führte zu einer Étude des sources: das unentrinnbare Verlangen, in der Intensität der enthüllenden Handschrift aufzugehen, hoffend auf Seelenverwandtschaft.

Marjolijn van den Assem,  2007

Seelenbriefe-boek

Leave a comment!



Message



Marjolijn van den Assem © 2007.

Simple Grey theme developed by Rodrigo P. Ghedin.

WordPressFAMFAMFAM
Clicky Web Analytics